Lokaljournalismus: Hingehen, wo es wehtut #rp14

Die re:publica 2014, einem „der weltweit wichtigsten Festivals der digitalen Gesellschaft“, ist im vollen Gange. Erneut werde ich über ausgewählte Sessions bloggen.

Die Session „Into the Kiez: Gefahrengebiet Lokaljournalismus“ hat mich besonders interessiert. Obwohl ich der Ansicht bin, dass die Medien in der Schweiz den Lokaljournalismus noch nicht so stark aufgegeben hat wie in Deutschland, gibt es solche Tendenzen. Und damit prinzipiell auch Raum für neue Medien.

An der Session wurde die Frage gestellt, ob Lokaljournalismus bedeutet: da hingehen, wo es wehtut? Da keine finanziellen Perspektiven und langweilige Themen, denen sich sonst niemand annimmt? Damit sind die Themen gut umschrieben, die in der Diskussion behandelt wurden. Folgend stichwortartig zusammengefasst Aussagen und Gedanken zu/von den entsprechenden Medien.

Prenzlauerberg Nachrichten

prenzlauerberg-nachrichten.de, Einzugsgebiet: 150’000 Menschen

  • Klassische Zeitung schafft es nicht, in alle Bezirksparlamente zu gehen. Es sind demokratisch Entscheide, die weitreichende Folgen haben können und darum wichtig, dass darüber informiert wird.
  • Zeitungen haben sich aus diesem Kleinteiligen zurückgezogen.
  • Sehr viele Leute kommen über Facebook. Da erreichen wir viele Leute zwischen 15 und 45.
  • Wer Geld verdienen will, geht nicht in den Journalismus.
  • Man kann über Kita-Eröffnungen, Tage der offenen Türe etc. berichten. Doch es braucht andere Herangehensweisen. Denkt neu, nicht dasselbe wie bestehende Medien einfach online machen. Macht etwas neues, das es nicht gibt. Neue Geschichten, neue Inhalte sind gefragt.
  • Verkauf von Anzeigen nicht selbst machen. Das sollte kein Journalist, sondern ein Anzeigeverkäufer machen.
  • Pro Tag ist ein Redakteur da, Abwechslung mit zwei Kollegen. Das gibt ein Artikel pro Tag -> Qualität wichtig, Möglichkeit zur Recherche.
  • Finanzierung über Anzeigen.
  • Einer hat den Hut „Redigat“ auf: Texte gegenlesen, FB-Kommentare lesen/beantworten etc.
  • Früher konnte man mit Zeitungen gut Geld verdienen. Warum heute nicht mehr?

Florakietz / Kiezblog

www.florakiez.de, Einzugsgebiet: 7000 Menschen

  • Auch ältere Menschen freuen sich über Angebote im Internet
  • Wir brauchen kein Geld. Was wir sonst schon „getratscht“ wird, stellen wir jetzt online. Und machen das ordentlich. Es sind Journalistinnen am Werk.
  • Es gibt kein Konzept, wie man mit sowas Geld verdienen kann. Konsequenz: Wir lassen es einfach.
  • Wichtig: Glaubwürdigkeit, ansprechbar für Bevölkerung.
  • Kleines Zielpublikum, wenig Finanzierungsmöglichkeiten.
  • Team von drei Personen
  • Wir nehmen nichts ein, wir geben nichts aus.
  • Keine Artikel von anderen Autoren/Journalisten annehmen, da nicht bezahlt werden kann. Journalisten sollen nicht gratis arbeiten.
  • Ist Hobby und Nachbarschaftsdienst/Nachbarschaftsstelle.
  • Es gibt eh kein Geld, darum nur Idealismus.
  • Macht es nicht alleine. Es braucht Leute die hinterfragen, unterstützen etc. Mindestens zwei Mitstreiter.
  • Drei Leute, von zu hause aus. Ehrenamtlich.

Mittendrin – Nachrichtenmagazin für Hamburg Mitte

hh-mittendrin.de, Einzugsgebiet 300’000 Menschen

  • Frage bezüglich Zugriffszahlen: Politik ist unser Herzstück. Das interessiert nicht alle.
  • Bieten Geschichten anderen (Print-)Medien an.
  • Durch Bezirks-Berichterstattung: Sehr spezieller Blickwinkel. Nicht Gesamtperspektive, News aus Sicht Bezirk.
  • Zuerst Leute, die sehr engagiert sind und teilweise selbst Politik machen. Dann Publikum erweitern.
  • Zuerst dafür sorgen: Druckfunktion verbessern. Dass Geschichten ausgedruckt im Schaukasten erscheinen.
  • Idealistischer Gedanke, Bezirkspolitik steht im Vordergrund. Wir glauben, dass es wichtig ist, dass über diese Themen berichtet wird.
  • Finanzierung: Anzeigen wichtig. Kooperationen mit TAZ bringt Geld. Soli-Abo (Solidarität der Leser).
  • Autoren werden bezahlt.
  • Ist es noch Lokaljournalismus, wenn es Bürger schreiben, die nicht ausgebildet sind? Nein, das ist etwas anderes als eine Lokalzeitung.
  • Langfristigkeit des Projekts wichtig, darum Geld verdienen, um Autoren zu bezahlen. Bürger sind keine Journalisten, das funktioniert nicht.
  • Macht es anders als im Print. Auch schneller sein. Allgemein: Nicht an Zeiten halten, Meldungen raushauen.
  • Warum brauchte es euch? Warum braucht es ein neues Angebot? Was machen die anderen nicht? Idealismus ist wichtig. Auch teilweise langweilige Sitzungen durchhalten. Auch finanziell schwierige Zeiten durchstehen.
  • Zu zweit begonnen, immer mehr freie Autoren. Kernteam ca. 6 Leute. Regelmässig Chef vom Dienst. Ca. 20 freie/Blogger.