Sinn und Unsinn alltäglicher Vorurteile

Bis vor kurzem war ich der felsenfesten Überzeugung, dass Autostoppen in der Schweiz nicht funktioniert. Zumindest nicht für mich: Männlich und meistens alleine unterwegs. Doch kürzlich wurde ich positiv überrascht: Ohne Erwartungen habe ich es wieder einmal versucht und das erste Auto hat angehalten und mich mitgenommen. Woran das liegt? Vielleicht, weil ich mit Anzug unterwegs war? Oder war es nur Zufall?

Ich glaube, dass unterbewusst Vorurteile in der Entscheidung, ob man jemanden mitnimmt oder nicht, stark mitspielen. Natürlich gibt es Leute, die prinzipiell niemanden mitnehmen. Aber es ist oftmals so: Auch die noch so starken Grundsätze werden unter gewissen Umständen wieder überdacht. So zum Beispiel, wenn sich Abt Martin mit Autostopp fortbewegen will. Er ist meistens erfolgreich. Wer denkt bei einem Geistlichen schon an etwas Böses?

Die Frage ist, ob sich diese kleinen Vorurteile evolutionär bewährt haben, damit sie immer noch vorhanden sind. Wahrscheinlich schon. Männer in Anzügen sind seriös, Nonnen sind ebenfalls harmlos. Es ist daher nicht überraschend, dass bei Überfällen oder Betrügereien auf Vorurteile zurück gegriffen wird. Das Vortäuschen von Unverdächtigkeit ist eine wichtige Eigenschaft von Kriminellen.

Bei dieser Gelegenheit weise ich wieder einmal auf ein interessantes Video hin, obwohl es schon etwas älter ist. Und zwar die Rede von Abt Martin Werlen im Rahmen der Ted-Talks 2010 in Zürich mit dem Titel „Listen to people from whom you expect nothing“. Auch da kommt das Thema Autostopp vor. Und das Beschäftigen mit Menschen, die anders sind, als wir auf den ersten Blick vielleicht erwarten würden.