Das Glück der Bergler

Erneut ein Artikel, den ich vor längerer Zeit (Februar 2013) geschrieben habe. Und nur dank den Ironbloggern Schweiz veröffentliche 🙂

Der Skitag mit unserer Firma ist ein traditioneller Anlass. Wie so oft bin ich, dieses Mal als einziger, mit dem ÖV unterwegs. Alle Kollegen fahren mit dem Auto. Mit Zug/Bus hätten sie einen Eindruck der Lokalbevölkerung erhalten. Der Abt Martin hat dazu mit einem seiner bekannten Bahngleichnissen geantwotet:

https://twitter.com/AbtMartin/status/304860842300674048

Denn trotz der Kleinräumigkeit der Schweiz sind die Menschen in den Regionen sehr unterschiedlich. Allgemein faszinieren mich die vielfältigen Beobachtungen, wenn man mit dem Zug unterwegs ist. Dasselbe auch auf dem Skilift. Ich finde es immer spannend, während wenigen Minuten mit einem unbekannten Menschen Lift zu fahren.

Beobachtungen

Der Postauto-Chauffeur war sehr jung. Schätzungsweise kaum älter als 25 Jahre. Jedenfalls macht er einen sehr glücklichen Eindruck und war freundlich zu allen Gästen. Mir ist spontan meine Einschätzung der Arbeitswelt in den Sinn gekommen, dass man heutzutage normalerweise nicht mehr 40 Jahre in der selben Firma arbeitet. Und auch mehrere verschiedene Jobs ausführt, sich also beruflich in andere Richtungen entwickelt. Doch an diesem Beispiel habe ich wieder einmal gesehen: Es gibt bestimmt auch heute noch Jobs, die man durchaus während 40 Jahren beim selben Arbeitgeber ausüben kann. Und Menschen, die nicht aufsteigen wollen sondern mit ihrem Leben schlicht zufrieden und glücklich sind.

Während der Fahrt steigt eine Junge Frau ein (ca. 19 Jahre). Sie wohnt gerade neben der Postauto-Haltestelle. Aus dem offenen Fenster winkt ihre Mutter zur Verabschiedung und schaut, bis der Bus abgefahren ist. Scheinbar ein tägliches Ritual, über das man noch mehr schreiben und überlegen könnte (warum verabschieden wir uns oder eben nicht? Man weiss ja wirklich nie…). Ich dachte, solche Gesten der Zuwendung gibt es, gerade auch in diesem Alter, eher nicht mehr. Wer nimmt sich schon Zeit dafür? Mit 19 ist man schliesslich kein Kind mehr. Ist es also Zufall oder ist der familiäre Zusammenhalt in dieser Region einfach stärker? Sind solche starken sozialen Strukturen nur in den Bergen derart gut vorhanden? Oder achte ich das in meinem eher städtischen Umfeld weniger?

Wie angetönt habe ich auch auf dem Skilift zufällig mit einer fremden Person ins Gespräch gekommen. Es war ein Skilehrer „mittelalterlichen“ Alters. Auf der knapp 5 minütigen Fahrt habe ich einiges erfahren. Mir sehr wenigen Fragen und etwas Interesse sind gewisse Menschen sehr mitteilungsbedürftig. Stolz erzählte er, dass er zwei erwachsene Töchter hat. Und seit 30 Jahren mit der selben Frau verheiratet ist. Er hatte ein Skilehrer-Tenue an und erzählte von seinem Job, der Spontanität und Flexibiliät, die dabei nötig ist. Und was für Erfahrungen er schon gemacht hat. Besonders eindrücklich die Story, als er zwei Stunden mit einer Frau mit Down-Syndrom auf der Piste verbringen konnte.  Er hat daneben noch zwei weitere Jobs: Schulbusfahrer und Musiker. Seine Frau arbeite auch noch etwas. So kämen sie über die Runden. Doch Hauptsache, sie seien glücklich. Und diesen Eindruck machte diese Person sehr wohl. Für mich die typische Ausprägung eines sehr bescheidenen aber glücklichen Innerschweizers.

Wie beim Busfahrer so auch bei der Jungen Frau und auch beim Skilehrer hatte ich den Eindruck, dass alle sehr glücklich waren, obwohl sie nicht eine in unserem Sinne steile Karriere machten oder gewaltige Zukunftspläne haben. Und sie haben scheinbar erkannt, dass dies mehr wert ist als der grosse Aufstieg. Diese coole Form der Bescheidenheit gefällt mir.

Nächste Szene: Ich fahre mit einer Arbeitskollegin auf dem Skilift. Auch von ihr erfahre ich von einer Leidenschaft. Leidenschaft fürs Skifahren. Wie sie das in Kanada und an anderen Orten in der Schweiz immer wieder praktiziert. Obwohl ihr Mann diese Leidenschaft nicht teilt, lebt sie diese aus. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch mindestens eine Leidenschaft braucht, die diese Person einfach glücklich macht. Beängstigend, dass viele Menschen auf diese Frage keine Antwort kennen.

Was Menschen glücklich macht, darauf gibt es bestimmt keine Antwort. Ich freue mich immer wieder, wenn ich solche Menschen treffe. Und mir dann wieder einmal vor Augen führe, was es aus meiner Sicht zum Glücklichsein braucht.