Soziale Kontakte und Vereinsamung

Soziale Kontakte - ein Handschlag auf dem Fischmark in Hamburg, Sommer 2010

Die Welt verändert sicht. Insbesondere, wie wir leben, arbeiten und Kontakte pflegen. Gestern hatten wir eine spannende Diskussion darüber. Die Thesen:

1. Leute haben keine Zeit mehr. Die Verkäuferin im Laden kann mit den Kunden keine Gespräche mehr führen, Dorfläden verschwinden. Treffpunkte sozialen Lebens verkommen zu reinen Dienstleistungsbetrieben oder verschwinden komplett. Hätten wir mehr Raum für solche Dinge, würden sich viele sozialen Probleme lösen.

2. Neue Medien erleichtern soziale Kontakte im realen Leben. Menschen, die damit nicht umgehen können oder sich dem Wandel verweigern, verlieren. Sie vereinsamen und verlieren den Anschluss.

Ich sehe das nicht schwarz und bin der Meinung, dass es noch nie so einfach war, neue Leute mit ähnlichen Interessen kennen zu lernen. Je stärker ich neue Medien nutze, desto öfters resultieren daraus soziale Kontakte im realen Leben. Bis vor kurzem habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht und bin davon ausgegangen, dass soziale Kontakte etwas fast Selbstverständliches sind. Doch je länger ich darüber nachdenke komme ich zum Schluss, dass ich falsch liege. Subjektiv gesehen muss es eine schweigende Mehrheit sein, die anders lebt. Sollte ich mir mehr Zeit nehmen, um Kontakte zu Leuten zu pflegen, die ich nicht via Facebook/Twitter/SMS innert Sekunden erreichen kann? Ja. Ein Telefonat hat auch im Web2.0-Zeitalter noch eine Bedeutung, wie auch eine handgeschriebene Karte die meisten Menschen hoch erfreut.

Ein Kollege ist Krankenwagen-Fahrer. Er steuert seine Gedanken bei, wie Leute in den ersten Tagen im Spital viel Besuch bekämen, ab der 2.-3. Woche aber ständig alleine sind. Ich frage mich, wie schwach ein soziales Netz sein muss, damit sowas passiert. Oder könnte mir das auch passieren?

Szenenwechsel. Ich verlasse heute das Büro und treffe unterwegs auf die alte Frau, die noch den letzten, nicht von unserer Firma in Beschlag genommenen Raum des Hauses bewohnt. Ich nehme mir 10 Minuten Zeit, mit ihr zu sprechen. Sie sieht kaum mehr, ist fast blind. Die einzige Aufgabe ist einmal im Tag den Briefkasten zu leeren. Sie sagt, wir seien heute speziell ruhig gewesen – sie hätte sich wie alleine auf der Welt gefühlt. Ich kann mir das kaum vorstellen – sich einen Tag lang alleine fühlen? Ihre Tochter wohnt 2 Km entfernt. Trotzdem: ihre einzigen sozialen Kontakte scheinen gelegentlich wir zu sein, dann der Arzt und der Taxifahrer, der sie zum Arzt fährt. Ich will mir nicht vorstellen, wie einsam solche Leute sind. Wie viele davon unbemerkt in unserer Gesellschaft leben. Und was sie jeden Tag machen und denken.

Ich ertappe mich oft, wie ich in Gedanken oder der Zeitung versunken meine Mitmenschen vernachlässige. Ich meine damit nicht Familie und Freunde. Sondern die alltäglichen Menschen, die im selben Haus wohnen oder unterwegs und in der Bahn anzutreffen sind. Für einen Gruss reicht es immer – aber mehr? Die Diskussionen der letzten Tage veranlassen mich, wieder etwas bewusster durch die Welt zu gehen. Mit staatlichen Mitteln lassen sich diese imensen sozialen Aufgaben nicht bewältigen. Es liegt an uns, täglich und ohne Aufsehen einen kleinen Beitrag zu leisten – für die Gesellschaft, in der wir leben.