Nordirland: Belfast und Derry

Am Wochenende waren wir in den beiden nordirischen Städten Belfast und Derry. Obwohl in den Medien Belfast öfters erwähnt wird, hat Derry eine ebenso bewegte Geschichte. Der 30. Januar 1972 ist beispielsweise als „Bloody Sunday“ in die Geschichte eingegangen. Es war ein furchbarer Tag voller Gewalt, er hat 14 Todesopfer gefordert.

Belfast haben wir am Samstag besucht. Mit einem Taxi haben wir eine Tour durch die Stadt gemacht. Die Unterschiede zwischen protestantischen Strassen und katholischen sind meist durch die Flaggen sichtbar, die draussen hängen (protestantisch = pro Britisch, katholisch = pro Irisch). Ein weiterer Unterschied ist die Beschriftung der Strassen. In katholischen Gebieten ist der Name der Strasse meist in zwei Sprachen (englisch und irisch) angeschrieben. Manchmal ist eine Strasse auch zweigeteilt (Anfangs katholisch, danach protestantisch). In der Mitte hat es dann einen Turm mit hochauflösenden Kameras der Polizei. Das sind heikle Stellen, an denen es jeweils Ausschreitungen gegeben hat. Die Gebiete sind auch mit hohen Zäunen getrennt. So sind wir durch eine Strasse gefahren und hinter der einen Häuserreihe sieht man einen hohen Zaun. Gewisse (Quartier)Strassen werden in der Nacht immer noch für den Verkehr geschlossen.

Der Taxifahrer in Belfast hat uns einige Informationen geben können. Zum Zusammenleben meinte er, dass es nicht mehr so schlimm sei. Für ihn spiele das politisch keine Rolle. Zwar seien die Schulen und auch teils Vereine strikt nach Konfession getrennt. Aber sein Sohn habe auch eine katholische Freundin (er ist Protestant). Was bei uns überhaupt kein Thema ist, wird hier zwar nicht zwingend als Hindernis, aber doch als klarer Gegensatz betrachtet.

Murals (Wandmalereien) hat es an sehr vielen Häusern. Und das sind wahrliche Kunstwerke (siehe Gallery). Meist erinnern sie an ermordete Menschen und tragische Schicksale. Sie erinnern auch daran, dass wir hier von einem schrecklichen Krieg sprechen.

Am Sonntag waren wir in Derry. Schon bei der Benennung dieser Stadt gibt man unbewusst eine Information über die eigene Konfession. Denn die Protestanten nennen diese Stadt immer noch Londonderry, wie sie von den Briten im 17. Jahrhundert umbenannt wurde. Während die Katholiken den (offiziellen) Namen Derry verwenden. Von den 115’000 Einwohnern sind ca. 85% Katholiken. Die Stadt ist in zwei Teile, die Westbank und die Ostbank geteilt. In der einen Leben die meisten Katholiken, im anderen Stadtteil hat es einen Anteil von ca. 60% Protestanten. Wie schon erwähnt hat es hier starke Ausschreitungen gegeben, mit den letzten Todesopfern im Jahre 1996. Als die Briten in die Stadt eingedrungen sind, haben sie eine Mauer errichtet. Die Protestanten haben sich dadurch von den Katholiken abgeschottet. Dieser Teil der Stadt liegt auf einem Hügel. Und dort hat es einen grossen Checkpoint der Polizei. Ein riesiger Turm mit hochauflösenden Kameras kann einen grossen Teil der Stadt überwachen, besonders auch die heiklen (katholischen) Gebiete.

Oft liest man an den Wänden von der R-IRA. Damit ist „Real IRA“ gemeint. Seit die eigentliche IRA aufgelöst und via Sinn Féin politisch eingebunden wurde, hat sich in der extremistischen Ecke ein Macht-Vakuum gebildet. Die R-IRA will weiterhin mit militanten Mitteln und Gewalt die Briten „vertreiben“.

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Unser Führer in Derry ist etwas über 50 Jahre alt und hat den ganzen Konflikt hautnah miterlebt. Er ist Katholik und war bei den wichtigen Märschen stets dabei. Er hat uns erzählt, wie sie an diesem verhängnisvollen 30. Januar 1972 aus der Kirche gekommen seien und draussen die britische Armee gewartet habe. Ein eindrückliches Mural zeigt die Porträts der 14 Todesopfer von diesem Sonntag (siehe Gallery). Besonders bewegend ist das Alter, 6 davon waren 17 Jahre alt, der älteste 59. Auch hat es einmal einen Fall gegeben, bei dem ein 15 Jähriger Junge von der britischen Armee erschossen wurde. Auch hier erinnert ein Mural daran. Unser Führer hat viele der Toten gekannt. Er hat uns erzählt, wo wieviele Menschen gestorben sind, und mit welchen er zur Schule gegangen ist oder welches gute Kollegen waren.

Was für Nordirland das Beste wäre, da gehen die Meinungen auseinander. Der Taxifahrer in Belfast meinte, weder die Briten noch die Iren mögen die Nordiren. Am Besten würden sie eine eigene, unabhängige Nation gründen. Meine Hostmum meinte, eine Vereinigung wäre das Beste (eine Insel, eine Nation). Einer meiner Lehrer denkt, dass dies eine Illusion sei. Der ganze Konflikt dauert nun beinahe 800 Jahre und sei zu tief verwurzelt in den Menschen. Die Briten, die seit Generationen in Nordirland leben, würden sich dagegen wehren.

Auch habe ich das Gefühl, dass die Religion nicht die wirkliche Ursache des Konflikts ist. Es ist einfach das einzige Merkmal, das die Leute hier voneinander unterscheidet. Kaum vorstellbar für uns, dass ein solcher Konflikt im 21. Jahrhundert in Europa noch existiert.