gesellschaft

Interviews

Die Weltwoche publiziert mit der aktuellen Ausgabe wieder Interviews am Laufmeter. 122 Seiten. Und darunter befinden sich, neben den zahlreichen Prominenten (Bundesrat Leuenberger, George Clooney, Shakira, Türkylmaz, Viktor Giacobbo etc.) auch einige Interview-Partner, die man nicht erwarten würde.

Zum Beispiel Denise Friederich, einzige Frau in der Führung der PNOS (Partei national orientierter Schweizer). Ihre unverständlichen Ansichten erstaunen mich nicht. Auf die Frage, ob die Frau zu Hause bleiben soll, antwortet sie: “Das liegt in der Natur der Frau. Das ist vorgegeben, nicht veränderbar. Dafür ist eine Frau auf der Welt.” Die “sozialen” Aussagen für gleiche Löhne für Mann und Frau tönen danach umso widersprüchlicher. Aber das Interview gibt einen Einblick in die wirren Ansichten dieser Leute.

Zu etwas erfreulicherem: das Interview mit Kurt Hürlimann. Coiffeur in Zürich. Er hat viel zu erzählen. Neu ist mir beispielsweise die Ansicht, dass Staaten auch ein Sternzeichen haben sollen. Dass die Schweiz eine (ordnungsliebende, gewissenhafte) Jungfrau, Deutschland ein störrischer Widder und Amerika ein nicht nachdenkender Zwilling sein soll, brachte mich zum schmunzeln.

Interkantonale Kommunikation

Heutzutage schreiben viele ihre Mails in (für mich shwer leserlichem) Schweizerdeutsch. Ich habe mich bis jetzt hartnäckig diesem Stil widersetzt. Heute habe ich recht bekommen ;-)

Letzten Freitag war an unserer Schule der Abgabetermin eines Milestones der Projektgruppen. Das Team einiger Kollegen hat den Termin nicht einhalten können. Grund: schlechte Kommunikation und Missverständnisse. Konkret wurden die Wörter “hätten” und “habe” verwechselt. Und zwar ging es darum, ob die betreffende Arbeit abgeliefert worden sei. Der Projektleiter antwortete, er hätte es gemacht (wenn die Stellvertreterin es nicht mache; à la “i hätts süsch scho gmacht”). Die Stellvertreterin verstand, er habe es gemacht, die Liste also abgegeben.

Heute mussten alle eingestehen, dass das Problem die schweizerdeutsche Sprache, bzw. die unterschiedlichen Dialekte sind. Es gibt nämlich teils gewaltige Unterschiede zwischen den Dialekten, und insbesondere in derer Interpretation.

Lessons learned: speak english oder eine andere, für alle gut verständliche Sprache.

PS: mündlich halte ich hier immer noch den Thurgauer Dialekt für die erste Wahl, wenn es um das Verständnis geht. Aber da gehen die Meinungen scheinbar auseinander ;-)

An der Garderobe

Am Freitag Abend habe ich für 3 Stunden an der Garderobe eines Studentenfests gearbeitet. Man erlebt hier allerhand. Erwähnenswert ist beispielsweise ein Mann, der anscheinend eine strenge Budget-Politik verfolgt. Und zwar besitzt er zwei Portemonnaies. Eines ist in der Hosentasche, das andere in der (abgegebenen) Jacke. Er wollte uns die Anweisung geben, dass wir ihm im späteren Verlauf des Abends ja kein Geld aus der Jacke geben sollen. Sonst gebe er zu viel aus. Wir sollen ihm nur die Jacke als Ganzes zurück geben. Es sei eine Art Schutz vor sich selber, der nötig sei, wenn er zuviel trinke.

Und da gibt es die anderen, die an einer Studentenparty (bei der Studenten der Schule Gratis-Eintritt haben) über den kleinen Beitrag von Fr. 1.- diskutieren wollen, den es an der Garderobe zu zahlen gibt (sofern man die Jacke abgeben will). Naja, …

Was mich auch noch erstaunt hat: es sind mehr als eine Handvoll Laptops abgegeben worden. Weiss nicht, ob es Leute gibt, die ihr liebstes Teil immer an Partys mitnehmen ;-)

Das Leichenhaus

Was ist der Sinn von Leichenhäusern? Die offensichtlichste Antwort ist wahrscheinlich, dass damit das Abschied nehmen (für die Überlebenden;-)) erleichtert wird. Doch der hauptsächliche Grund war ein anderer: und zwar hätten früher die Menschen grosse Angst davor gehabt, lebendig begraben zu werden. Darum habe man diese Leichenhäuser eingerichtet, in denen ein Wächter den Toten überwacht hat. Nach einigen Tagen konnte man dann mit Bestimmtheit sagen, dass er/sie sicher tot ist.

Die heutigen Mediziner können uns mit grösserer Sicherheit sagen, ob jemand tot ist. Wir hoffen es jedenfalls ;-)

PS: Noch etwas zur Quelle ;-) Haben das Thema in der Schule besprochen. Das Fach hätte man früher wahrscheinlich Deutsch/Geographie/Geschichte oder so genannt. Bei uns heisst es Allgemeiner kultureller Kontext und bietet Abwechslung, neben dem Haufen Mathe und Physik.

Anstand und Moral

Ausgangslage ist eine Szene im Zug, wobei eine Gruppe von Leuten laut Musik hört. Andere Leute wollen im Zug lesen, sie fühlen sich gestört durch die Musik. Warum haben Menschen Respekt und Anstand, warum nehmen sie Rücksicht? Was ist die Motivation dazu? Denn im Grunde genommen hat man, rein egoistisch und subjektiv gesehen, nichts davon.

Erstens ist es sicher das Abwenden von Streit. Die meisten Leute haben keine Lust, über solche Banalitäten zu streiten. Zweitens ist es die stillschweigende Annahme, dass sich der Gegenüber in einer ähnlichen Situation ebenfalls rücksichtsvoll verhalten würde. Es ist die Hoffnung, dass der Gegenüber ebenfalls eine für beide akzeptable Lösung suchen würde. Zusammengefasst: nur wenn wir einen gewissen Grad an Respekt, Anstand und Rücksichtnahme an den Tag legen, ist ein friedliches Zusammenleben möglich. Und nur so können wir davon ausgehen, dass der andere in einer solchen Situation auch Verständnisvoll reagieren würde, also wir vom gegenseitigen Verständnis profitieren könnten. Soviel zur “meiner” Theorie.

Leider hat die beschriebene Situation in einem Streitgespräch über eben diese Werte und Fragen gemündet. Wer soll jetzt auf wen Rücksicht nehmen? Die Musiker auf die Leser oder gar umgekehrt? Jedenfalls bringt das Diskutieren über Anstand und Moral in dieser Situation wenig. Ein Kompromiss muss her. Oder, wie im beschriebenen Fall geschehen, es setzt sich eine Extremposition (Musiker) durch. Nun hoffe ich, ich habe hier einen Einzelfall beobachtet. Denn wenn diese Werte und Ansichten verloren gehen, wird unser Zusammenleben sicher erschwert.

PS: Beim weiteren Nachdenken über die Situation stosse ich auf ein Gedankenspiel: was wäre, wenn die Stille ebenfalls ein produzierbares Geräusch wäre? Und wir damit anderen “Lärm” übertönen könnten?

Zuverlässigkeit

S’Chanf ist eine kleine Ortschaft im Engadin, auf ca. 1660 m.ü.M. Ich bin 20 Minuten zu früh auf dem Bahnhof und vor meinem Zug fährt noch ein anderer Richtung Pontresina. Abfahrt gemäss Fahrplan um 13:25:00 Uhr. Um 13:24:30 Uhr kommen drei Frauen, die noch 40 Sekunden auf den Zug warten. Um 13:25:10 Uhr fährt der Zug los. Ein ausländlischer Tourist sähe sich Bestens in seinen Vorurteilen über die Schweiz bestätigt.

schanf
S-Chanf

Ausserdem überraschte mich der Natelempfang auf der Linie der Rhätischen Bahn (RHB). Sogar im Vereina-Tunnel (19 Km) habe ich immer vollen Empfang.

Update vom 25.6.05:
Im Zug von Landquart nach St. Gallen sehe ich ein ca. 8 jähriger Junge, der seiner Mutter begeistert erzählt, dass es bis St. Gallen noch 17 Minuten dauern würde. Ausserdem nennt er die zwei nächsten Haltestellen. Wahrscheinlich hat unsere Pünktlichkeit doch nichts mit Vorurteilen zu tun.