Zügeln: Wider der Professionalisierung

Letztes Wochenende ist meine Schwester umgezogen. Die Frage, ob ich dabei mithelfen würde, habe ich ohne zu zögern mit Ja beantwortet. Als ich das einem Kollegen erzählt habe, antwortete er, dass er das nicht machen würde. Seit er 30 Jahre alt sei (ok, das bin ich ja noch nicht ganz) helfe er nicht mehr mit beim Möbel schleppen. Es sei einfach zu mühsam. Oder etwas salopp ausgedrückt: Diese Leute sollen sich gefälligst einen Zügelservice leisten anstatt ihren Kollegen- und Familienkreis zu belästigen.

Klar, man könnte das professionalisieren und an Experten auslagern. Die würden dann mit ihrem genialen Bus vorfahren und uns ihre grosse Stärke und Erfahrung zur Verfügung stellen. Meine Schwester könnte sich das sicher leisten, das ist nicht der Punkt.

Aber es ist für mich auch ein gesellschaftlicher Event. Ich sehe meine Familie, die Freunde meiner Schwester und wir haben ein gemeinsames Projekt. Das kann durchaus Herausforderungen mit sich bringen. Z.b. wie gewisse Möbelstücke transportiert werden, die Organisation im Detail etc. Ich suche lieber eine Lösung und mache ein Happening daraus, anstatt den Möbelwagen kommen zu lassen. Es ist für mich nicht primär Arbeit.

Als Nicht-Zügelnder kann ich natürlich schon von einem Happening sprechen. Ich habe die Arbeit vorher und nachher nicht. Sondern nur einige Stunden im Kreise meiner Familie. Ich würde es sogar als eine Art Team-Bildung bezeichnen.

Allgemein, so habe ich den Eindruck, gibt es eine Tendenz, einfache Arbeiten zu professionalisieren auszulagern, die früher selbstverständlich selbst erledigt wurden. Ich beklage das nicht, überlege mir aber immer, was das für die Gesellschaft für Auswirkungen hat. Der Drang nach enormer Effizienz auch im Privatleben kann auf Kosten der Zufriedenheit gehen. Gerade bei einem Umzug beschäftigt man sich wieder einmal mit anderen Problemen. Wer immer das selbe macht und darin natürlich enorm effizient und gut wird, lebt plötzlich nur noch in seiner eigenen Welt. Und braucht dann plötzlich ein Sabbatical oder wird ein „Aussteiger“.

Gerade Dinge wie das Zügeln finde ich auch eine wichtige Angelegenheit, um sein persönliches Umfeld in die Pflicht zu nehmen und ehrenamtliche Dienste in kleinen Strukturen zu leben. Und somit seine „community“, die auch aus Offlinern besteht, auch offline am Leben teilhaben zu lassen.