Belehrungen
29 Mai 2007
Im Zug sieht man allerhand. Kürzlich hat sich gegenüber von mir ein Herr mittleren Alters (ca. 40-45) hingesetzt. Plötzlich beginnt er, mit seinen Fingern in seinen Nasen zu bohren. Anschliessend führt er sie zum Mund. Mich ekelt es, ich schaue zum Fenster hinaus.
Und stelle mir die Frage, inwiefern öffentliche oder allgemein Belehrungen gegenüber erwachsenen Menschen “erlaubt” sind. Oder wäre ein dezenter Hinweis auf das Fehlverhalten in Ordnung? Wie hätte ich mich verhalten sollen? Es gibt Leute, die sagen, das seien erwachsene Personen und das gehe mich nichts an. Andererseits: müssen wir solche Dinge im öffentlichen Raum dulden?
Ich versetze mich in die beschriebene Person. Angenommen, ich hätte ein unhöfliches Verhalten, das mir nicht bewusst ist (ich gehe einmal davon aus, im erwähnten Fall sei das so). Ich würde es begrüssen, meine Mitmenschen wären so ehrlich, und würden mich darauf hinweisen. Doch im beschriebenen Fall habe ich da meine Hemmungen. Die Person ist sicher 20 Jahre älter als ich. Ich habe mir überlegt, eine Frage wie “Brauchen Sie ein Taschentuch?” zu stellen. Oder wäre das “frech”? Ich weiss es nicht.
Vielleicht muss ich einfach einmal eine solche Erfahrung machen und meine Gedanken ausdrücken. Ich gebe zu, es braucht etwas Mut. Unhöflichkeiten gibt es aber genug. Doch ich möchte schlussendlich auch nicht als “Polizist” dastehen, einen Streit über eine Kleinigkeit vom Zaun reissen oder den Menschen persönlich angreifen. Sondern nur auf Dinge hinweisen, die selbstverständlich sein sollten.
Beim Nasenboren dürfte das noch einfacher sein, da das Verhalten gesellschaftlich verpönt ist. Aber was ist z.B. mit dem Hochlagern von Füssen auf das Polster im Zug? Das stört heutzutage nun wirklich niemand mehr. Was, wenn sich die Person weigert, eine Zeitung darunter zu legen? Vor solchen Konflikten habe ich Respekt. Und ich denke, die Meisten verbergen dadurch ihren Unmut. Und schauen weg. Anschliessend beklagen wir uns über fehlende Zivil-Courage und schlechte Sitten. Ich bin überzeugt, es fängt im Kleinen an.
Facebook
Twitter
Flickr
Mai 29, 2007 @ 17:59:56
Wöu si Hemmige hei. (Mani Matter)
Man geniert sich die anderen zu belehren. Geht mir im Fall auch so. Ich denke dan, ach was solls, ich steige ja beim nächsten Stop aus.
Ein bisschen mehr Zivilcourage täte jedem gut. Oder andersrum gesagt, eine gute Kinderstube ist machem verwehrt geblieben.
Mai 30, 2007 @ 12:03:10
Ich bin sicher kein Experte auf dem Gebiet “Zivilcourage”. Ich habe selbst echt Mühe was das anbelangt. Was mich nicht daran hindern soll meinen Senf dazu zu geben…
Das Buch “Wie zähme ich meinen inneren Schweinehund” meint, man soll so etwas immer wieder üben. D.h. immer wieder mal fremde Leute ansprechen und sie in etwas leichten Smalltalk verwickeln.
Wenn man das für ziehmlich belanglose Dinge schon kann, dann kommt dann der nächste Level: die Dinge die einen Ärgern.
Was den “Polizisten” anbelangt: Es macht einen Unterschied ob “man etwas nicht macht”, oder ob es *mich* persönlich stört.
Wenn mich etwas persönlich stört, dann erlaube ich es mir ohne weiteres zu sagen: “Es tut mir leid, aber es stört mich, wenn ich Ihnen zuschauen muss, wie Sie Ihr grünes Gold essen.”
Ist das frech? Vielleicht.