Heute Morgen war ich an einem Podium in Weinfelden zur “Initiative für nur eine Fremdsprache an der Primarschule”, organisiert von der FDP Thurgau. Anwesend waren, soweit ich gesehen habe, natürlich FDPler und einige parteilose, interessierte Bürger.
Zuerst hat jedoch SVP-Ständerat Hermann Bürgi ein Kurzreferat zur neuen Bildungsverfassung (Bildungsrahmenartikel) gehalten. Wie gewohnt mit viel Herzblut und Engagement. Er hat auch die Kritiken ausgeräumt, die von einem Bürger geäussert wurden.
Contra
Anschliessend hat Regierungsrat Bernhard Koch ein Contra-Referat zur Initiative gehalten. Die wichtigsten Aussagen der Befürworter von 2 Fremdsprachen (Gegner der Initiative) waren:
- wenn man mehr Zeit hat zum Lernen, ist auch der Ertrag grösser (wird von den Initianten bestritten)
- die Schule soll sich nach den 80% der Schüler richten, die eine zweite Fremdsprache lernen können. Für die 20% leistungsschwachen sind Lösungen in Sicht.
- Kinder sind in der Primarschule eher unter- als überfordert (50% der 1. Klässler beherrschen bei Schulbeginn bereits den gesamten 1.Klass-Stoff)
- Es wird kein Fächerabbau geben, sondern eine Aufstockung.
- Die Einführung des Frühfanzösisch hat 7 Mio gekostet. Das wäre herausgeworfenes Geld, wenn man die das wieder abschaffen würde.
- Ein Lernverbot benachteilig. Wer es sich leisten kann, besucht privat Englischlektionen. Die Chancengleichheit muss gewahrt bleiben.
- Wir sollen uns an Zürich und St. Gallen orientieren, nicht an Appenzell-Innerhoden (mit 15’000 Einwohnern), der als einziger Kanton Englisch in der Primarschule und Französisch in der Oberstufe unterrichtet (Modell der Initianten).
Pro
Die Argumente der Befürworter der Initiative (Gegner von 2 Fremdsprachen), vertreten durch Verena Herzog, waren im Wesentlichen:
- Fremdsprachen muss man intensiv lernen, sonst bringt es nichts bzw. der Aufwand und Ertrag stimmt nicht. Daher Konzentration auf Englisch in der Primarschule.
- Es gäbe einen Ausbau im sonderpädagogischen Bereich, da mehr Schüler Nachhilfe etc. bräuchten
- Es gäbe keine Studien, die wirklich beweisen würden, dass zwei Fremdsprachen an der Primarschule mehr Ertrag bringen würden als nur eine
- Die Kinder seien mit zwei Fremdsprachen mehrheitlich überfordert und könnten nicht mehr Kind sein.
Erfahrungen aus Zürich
Anschliessend haben zwei Primarlehrkräfte aus Schwamendingen ihre Erfahrungen mit zwei Fremdsprachen erzählt. Sie sind, wie es unser Vorurteil so will, auch in der SP
Jedenfalls haben sie nur gute Erfahrungen gemacht. Sie hätten jetzt Kinder aus 9 verschiedenen Ländern mit 13 verschiedenen Muttersprachen. Und gerade die Fremdsprachigen seien es, die besonders motiviert seien, die Fremdsprachen zu lernen.
Podium
Die anschliessende Diskussion verlief interessant. Am Podium waren Hugo E. Götz (Pro), Peter Gubser (Präsident SP, Pro), Gabi Badertscher (Präsidentin FDP, Contra), Christian Amsler (FDP Schaffhausen, Contra). Einige Auszüge:
Gabi Badertscher: In Uttwil biete die Schule freiwillig Englisch an. 95% der Schüler nehmen dieses Angebot wahr, obwohl ein Unkostenbeitrag bezahlt werden müsse. Wenn das nicht obligatorisch werde, sehe sie die Chancengleichheit gefährdet.
Mit der Initiative kaufe man die Katze im Sack. Denn es müsse sich nicht zwingend etwas ändern, wir hätten jetzt bereits eine Fremdsprache in der Primarschule. Wer garantiert, dass Englisch auch wirklich komme? Wer Englisch wolle, müsse zur Initiative Nein sagen.
Hugo Götz: Die Wirtschaft fordere keineswegs zwei Fremdsprachen, das habe er noch nie gehört. Das Problem liege bei den Englischlehrern an den Hochschulen, die nicht fähig seien, echtes Wirtschafts-Englisch zu vermitteln. Ausserdem gäbe es keinen Nobelpreis in Sprachen. Matchentscheidend für die Zukunft seien die Naturwissenschaften. Den Kindern können nicht immer mehr intelektuelle Fächer zugemutet werden. Das habe mit Entwicklungspsychologie zu tun.
Christian Amsler: In der Oberstufe stimmen die Rahmenbedingungen nicht mehr. Es sei doch nicht leichter, in der Pubertät noch eine neue Fremdsprache zu lernen. Wenn ein Kanton wie der Thurgau eine andere Lösung beschliessen würde als das Modell 3/5, dann wäre eine Landesweite Lösung nicht mehr fern. Der Bund würde eingreifen und die Harmonisierung durchsetzen. Und in diesem Fall könne man sicher sein, dass die erste Fremdsprache eine Landessprache wäre.
Peter Gubser: Am Schluss von 9 Jahren Schulzeit müssen alle etwa den gleichen Stand haben. Mit einer Konzentration auf Deutsch und Englisch in der Primarschule komme man diesem Ziel näher.
Soweit meine streng geraffte Zusammenfassung.
Humor
Natürlich hat auch der Humor nicht gefehlt. Bereits am Anfang hat Moderator Hans Weber auf die Kamera von Tele Top aufmerksam gemacht. Die Referenten würden vielleicht sogar mit einem gescheiten Votum im Fernsehen kommen. Es gäbe doch schlimmeres. Darauf ruft der Kameramann: “Ja, Tele Diessenhofen”.
Bei der Podiumsdiskussion hat Peter Gubser das Schwarz/Weiss-Denken des Regierungsrates Koch bemängelt. Man könne nicht nur zwischen Himmel und Hölle unterscheiden. Darauf der Moderator Marc Haltiner: “Er ist in der CVP”
Das hatte einige Lacher zur Folge.

Abschliessend muss ich sagen: ein interessanter, informativer Morgen. Durch Gespräche ist mir die Ansicht der Initianten etwas verständlicher geworden. Ich werde jedoch trotzdem NEIN stimmen.