Mar 27 2005

Wettbewerb und Menschen II

Eine Auseinandersetzung mit mir selbst aufgrund eines Berichtes in der Rundschau vom 9. März 2005, eines Artikels in der SonntagsZeitung vom 20. März 2005 und diversen Gesprächen darüber.

Die Rundschau berichtet über den Detailhändler Coop und dessen Mitarbeiter. Das Thema sind unsoziale Arbeitsverträge und Entlassungen, die wegen der neuen Konkurrenz aus dem Ausland gemacht werden. Es wird eine Mitarbeiterin porträtiert, welche einen neuen Vertrag (Anstellung im Stundenlohn) hätte erhalten sollen, anstatt des bisherigen Teilzeitarbeitsvertrages.

Entlassungen und Lohneinbussen sind für die betroffenen Familien hart, unbestritten. Ich versuche trotzdem, mir sachlich Gedanken zu Wettbewerb und Menschen zu machen.

Die freie Marktwirtschaft und Wettbewerb prägen unsere Wirtschaft. Jedem ist freigestellt, ein eigenes Unternehmen zu gründen, andere zu konkurrenzieren, neue Ideen zu vermarkten und Geld zu verdienen. Grundsätzlich sind diese Möglichkeiten etwas positives. Es werden Arbeitsplätze geschaffen bzw. gesichert. Ineffiziente, unflexible und nicht überlebensfähige Unternehmen müssen schliessen. Und nicht zuletzt werden auch Steuereinnahmen generiert.

Nun ist diese Konkurrenz global, der Wettbewerb ist global. Im konkreten Beispiel dringen deutsche Unternehmen in bisher von Schweizer Unternehmen dominierte Märkte ein. Ich sehe das ebenfalls positiv. Denn: Neue Unternehmen bedeuten immer auch neue Arbeitsplätze. Sie bringen Dynamik und Veränderung bzw. zwingen die bestehenden Unternehmen dazu. Dies geschieht noch stärker als es heute schon durch die inländische Konkurrenz der Fall ist. Im oben erwähnten Bericht ist jedoch von Entlassungen und schlechteren Arbeitsbedingungen die Rede. Sind das wirklich “schlechte” Veränderungen? Ich denke, objektiv gesehen nicht.

Entlassungen haben auch für die Unternehmung Auswirkungen. Entweder wird es bei der Qualität oder der Quantität Einbussen geben. Und gerade darum geht es in den erwähnten Beiträgen. In grenznahen Filialen hat der Coop rückläufige Umsätze. Die logische Folge: Personal muss abgebaut werden. Der freie Markt stellt so sicher, dass nicht benötigte Produkte nicht hergestellt werden.

Der Kunde bestimmt, was gefragt ist. Wenn ein Unternehmen Arbeitsplätze abbaut, sodass die Qualität darunter leidet, entsteht automatisch die Nachfrage nach einem qualitativ höheren Produkt. Jetzt kann ein Unternehmen, sofern die Nachfrage ein Überleben möglich macht, in diesen Markt einsteigen und diese Bedürfnisse befriedigen. Wenn diese Bedürfnisse nach höherer Qualität nicht existieren, muss das Produkt auch nicht angeboten werden. Oder anders gesagt: ich denke nicht, dass alles auf den Preis herausläuft. Es wird immer eine Anzahl Leute geben, die qualitativ hochwertig Produkte in einem Geschäft kaufen wollen, das gute Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter bietet.

Für einige Zeitgenossen ist es geradezu verwerflich, wenn ein Unternehmen Gewinne macht und trotzdem Arbeitsplätze abbaut. Dazu einige Punkte aus meiner Sicht.
1.Was passiert mit dem Gewinn? Ein Gewinn ermöglicht weitere Investitionen, ermöglicht eine Expansion, ermöglicht das Entwickeln von neuen Produkten etc. Die Vorteile dieses Prozesses (neue Konkurrenz bzw. neue Unternehmung im Markt) habe ich oben bereits erwähnt.
2.Gesetzt der Fall, es werden weniger Mitarbeiter benötigt, ist gerade das Weiterbeschäftigen dieser Personen in der freien Marktwirtschaft keine Lösung. Denn früher oder später werden solche Kosten zum Verhängnis. Ein Unternehmen muss alles daran setzen, sich auf die Zukunft einzustellen und die Wettbewerbsfähigkeit zu wahren. Im Detailhandel wird das in Zukunft über die Kosten geschehen. Sich auf den Lorbeeren bzw. Gewinnen auszuruhen führt früher oder später zum Untergang.
3.Irgend woher kommen diese Gewinne. Entweder hat die Firma eine zu hohe Marge, das Unternehmen produziert ein lukratives Nischenprodukt usw. In diesen Fällen: der Markt kann und soll gerade hier korrigierend eingreifen. Wenn jemand der Meinung ist, er könne ein Produkt besser und/oder kostengünstiger anbieten, hat er die Möglichkeiten, dies zu tun.
4.Im Beispiel Detailhandel haben diese Vorgänge auch eine soziale Komponente. Durch Senken der Kosten können die Produkte günstiger angeboten werden. Und gerade bei Nahrungsmittel ist es die einkommensschwache Schicht, die davon stark profitiert.

Völlige Freiheit ist selbstverständlich nicht angebracht. Dafür hat der Gesetzgeber einen Arbeitnehmerschutz eingeführt. Mit diesen Gesetzten wird es eine ‘moderne Form der Sklaverei’ nicht geben. Auch ist zu betonen, dass sich sämtliche Unternehmen daran halten müssen, die in der Schweiz Personal beschäftigen. Also auch Aldi, Lidl & Co.

Problematisch wird es, wenn Unternehmen derart tiefe Löhne bezahlen, dass die Mitarbeiter zusätzlich Finanzmittel vom Staat benötigen (sog. working poors). Auch hier einige Gedanken dazu:
1.Die Situation ist für den Arbeiter unbefriedigend. Er arbeitet hart, der Verdienst reicht aber trotzdem nicht zum Leben. Er wird also, sobald er eine entsprechende Möglichkeit erhält, einen neuen, besser bezahlten Job annehmen. Hier besteht ein gewisses Risiko für den Arbeitgeber (Kündigung).
2.Folglich ist es aus Sicht des Staates besser, der Arbeiter kriegt einen solchen (schlecht bezahlten) Job als wäre er vollständig vom Staat abhängig.
3.Das Image in den Medien und der Öffentlichkeit sind wichtig für ein Unternehmen. Mit schlechten Arbeitsbedingungen verschlechtert sich dieses Image. Ausserdem zeugen solche Praktiken von fehlender Ethik und Moral, was von den Medien/Gesellschaft auch wahrgenommen wird.

Wichtig, damit diese Mechanismen funktionieren, ist aber auch die Freiheit (insbesondere Meinungsfreiheit/Pressefreiheit). Denn wenn die Unternehmen nicht kritisch begleitet werden können, entsteht Missbrauch, der durch den freien Markt nicht bekämpft werden kann. Ein weiterer Punkt sind die Gewerkschaften. Obwohl ich persönlich die Ansichten der Gewerkschafter selten teilen kann, kommt diesen Organisationen trotzdem eine gewisse Bedeutung zu. Sie sind ein Teil der Sozialpartnerschaft (“Arbeiterfriedens”), der zu einem gewichtigen Teil aus den Gesamtarbeitsverträgen besteht. Im Beispiel Detailhandel sind alle grossen Unternehmen einem solchen GAV unterstellt. Auch nehmen die Gewerkschaften die oben erwähnte Funktion der “kritischen Begleitung” (corporate reputation) der Unternehmen wahr.

Zum Schluss noch eine allgemeine Frage: was ist der Zweck der Wirtschaft? Meine ganz einfache Antwort lautet: möglichst effizient das Leben erleichtern (Befriedigung der Bedürfnisse) und die Evolution (Entwicklung) vorantreiben. Ohne diese Prozesse, ohne ständiges Anpassen an die Realität, ohne ständige Weiterentwicklung und Fortschritt, würden wir heute noch mit Speer und Steinschleuder auf Nahrungsmitteljagd gehen. Damit diese Entwicklung weitergeht, benötigen wir flexible, zukunftsträchtige Unternehmen. Und dieser Vorgang wird durch neue Konkurrenz sichergestellt.

Ich freue mich auf kritische Kommentare und Mails.


Mar 25 2005

Swissness

Es geht hier um grosse Summen, und Sie können vom Staat nicht erwarten, dass er das irgendwie subventioniert. Das sind Realitäten.

Bundesrat Kaspar Villiger vor dem Nationalrat, 4.10.2001

Wir dürfen das Geschäft nicht weiter den Banken und der Privatwirtschaft überlassen. Sie haben das Meisterstück mit dem Ruin der Swissair bereits vorgeführt.

Susanne Leutenegger Oberholzer (SP) vor dem Nationalrat, 4.10.2001

Wer, wenn nicht der Staat, soll denn handeln, wenn die Wirtschaft offensichtlich unfähig dazu ist?

Barbara Marty Kälin (SP) vor dem Nationalrat, 16.11.2001

Wir konnten der Bundesbeteiligung nur zustimmen, weil nur in Partnerschaft zwischen Wirtschaft, Bund und Kantonen eine tragfähige Lösung gefunden wurde.

Erich Müller (FDP) vor dem Nationalrat, 16.11.2001

Ich habe die Unterschriften von siebzehn Wirtschaftswissenschaftlern und Volkswirtschaftlern vor mir. (…) Genau diese Herren und Damen sind es, die uns ausdrücklich vor diesem Abenteuer warnen.

Hermann Weyeneth (SVP) vor dem Nationalrat, 16.11.2001

Wir werden keine Aktiven haben, aus denen irgendwelche Erträge resultieren. Stattdessen haben wir blanke, über 2 Milliarden Franken hohe neue Schulden, die wir jedes Jahr verzinsen müssen. Auch bei den tiefen Zinsen sind das jedes Jahr 65 bis 80 Millionen Franken, die wir – ich will jetzt nicht sagen bis in alle Ewigkeit – schwer zu bezahlen haben werden.

Hans Kaufmann (SVP) vor dem Nationalrat, 16.11.2001

Es kann doch nicht unser Ziel sein, aus Beschäftigungsgründen eine eigene Fluggesellschaft aufzubauen. Eine eigene Fluggesellschaft macht nur Sinn, wenn sie im Markt gefragt ist und sich im Markt auch zu behaupten vermag.

Christoffel Bändli (SVP) vor dem Ständerat, 17.11.2001

(Quelle: http://www.svp.ch/index.html?page_id=1486&l=2)

Mark Twain sagte schon: “Wir haben viele Sündenböcke, aber der populärste ist die Vorsehung.” In diesem Fall ging es aber weniger um Vorsehung als um die (ideologische) Frage, welche Rolle ein Staat und welche der freie Markt einnimmt.


Mar 24 2005

Wessen Glück ist grösser?

In der letzten Weltwoche (Nummer 11 vom 17. März) erschien ein Artikel über das Erforschen von Glück. Eine Passage scheint mir höchst interessant:

Letztlich müsste eine Regierung einfach die richtigen Daten erhalten, damit sie eine Politik macht, die ihren Bürgern grösstmögliches Glück verspricht. Das dürfte allerdings schon daran scheitern, dass kaum ermittelbar ist, was das gesamte Glück der Gesellschaft steigert. Wenn Homosexuelle heiraten dürfen, macht sie das glücklich, aber einer Reihe anderer Leute passt das nicht. Wessen Glück ist grösser? Ausserdem bleibt unklar, ob zwei dasselbe fühlen, wenn sie sagen, sie seien glücklich (…).

Ein lesenswerter Artikel mit interessanten Denkansätzen.


Mar 23 2005

Wettbewerb und Menschen

Eine Diskussion mit einem Wirte-Ehepaar veranlasst mich, mir einige Gedanken zu Wettbewerb und Menschen zu machen. Und zwar hören sie nächsten Sommer mit dem Wirten auf. Die Präsenzzeit hat mich erstaunt, um 0800 morgens öffnet das Restaurant, die letzten Gäste gehen selten vor Mitternacht. Und das an 6 Tagen in der Woche. Freie Zeit bleibt kaum übrig. Auch muss noch ein Haushalt nebenbei geführt werden.

Ich habe Respekt vor solchen Menschen. Sie verkörpern echtes Unternehmertum, sie leben für das Unternehmen. Andererseits darf die Arbeit den Menschen auch nicht kaputt machen, Zeit für Erholung und sich selbst muss sein. Jeder selbständig Erwerbende weiss, dass er normalerweise mehr arbeitet als ein Angestellter, besonders in den ersten Jahren. Und Mindestarbeitszeiten, Arbeitnehmerschutz etc. gibt es (zum Glück) keine. Denn das würde die freie (und freiwillige) Entwicklung des Unternehmens stark gefährden.

Der Wettbewerb ist hart, auch im Gastgewerbe. Im beschriebenen Beispiel haben es die Unternehmer erreicht, die Umsätze zu steigern (zurzeit ca. 20-30 Mittagessen täglich). Das sei beim Vorgänger (ebenfalls Pächter) anders gewesen. Ich frage mich jedoch, ob der Ertrag den grossen Einsatz von Zeit rechtfertigt. Auch hier merke ich: diese Frage stellen sich echte Unternehmer nicht. Sie leben für ihre Unternehmung. Auch wollen Sie es ‘allen recht’ machen. Sprich: keine Kunden verlieren, auf deren Bedürfnisse eingehen usw. Da kann es schon vorkommen, dass man auf Kundenwunsch ausnahmsweise bereits um 0740 öffnet. Das ist bestimmt positiv, doch auch hier ist ein gesundes Mittelmass gefragt zwischen (eigener) Zumutbarkeit und Erfüllung der Kundenwünsche. Eventuell hängt sogar das Ueberleben der Unternehmung davon ab.

Wenn aufgrund eines Burn-Outs, extremem Schlafmangel usw. die Leistung abnimmt oder sogar auf 0 zurückgeht, ist der Schaden für die Wirtschaft grösser als wenn auch in andere Lebensbereiche genügend Zeit investiert wird.

Es ist zu hoffen, dass auch in Zukunft diese Art der Beschäftigung trotz (oder wegen?) grossem Einsatz attraktiv bleibt, ohne dabei Familie und Freizeit ganz zu vergessen. Dass die Ueberlebensrate von Neugründungen nach 4 Jahren bei 54% liegt zeigt auf, wie hart Wettbewerb sein kann (Meldung vom Bundesamt für Statistik).


Mar 21 2005

Grundbuch wird gläsern

Auf 1. April 05 tritt die neue ‘Verordnung betreffend das Grundbuch’ in Kraft. Aus Sicht des Datenschutztes gibt es einige gewichtige Aenderungen:

Artikel 106a:

Jede Person kann vom Grundbuchamt ohne das Glaubhaftmachen eines Interesses Auskunft oder einen Auszug über die folgenden rechtsgültigen Daten des Hauptbuches verlangen: die Bezeichnung des Grundstücks und die Grundstücksbeschreibung, den Namen und die Identifikation des Eigentümers, die Eigentumsform und das Erwerbsdatum (…).

Artikel 111l:

Die Kantone dürfen die Daten des Hauptbuches, über die jede Person ohne das Glaubhaftmachen eines Interesses Auskunft oder einen Auszug verlangen kann, in öffentlichen Datennetzen zur Verfügung stellen (…).

Und wieder stellt sich die Frage Bequemlichkeit versus Datenschutz.

(aufmerksam geworden durch Datenschutzbeauftragten des Kantons Zug (Mitteilung))


Mar 20 2005

Bilder einer Revolution (Libanon)

[pic:demonstrantin in libanon]
http://story.news.yahoo.com/news?tmpl=story&u=/050314/481/xhm10503141604

(via A New European)


Mar 13 2005

Telemarketing

Unter diesem Begriff versteht man das Bewerben von Produketen per Telefon. Mit dem EGBG anti-telemarketing counterscript gibt es eine Möglichkeit, zurück zu schlagen. Weitere Informationen auf der Website ;-)

(erhalten via Hymnos)

Spass bei Seite. Die beiden ersten Fragen des Scripts stelle ich dem Verkäufer immer (bevor ich ihn abwimmle). Diese wären:
1. Mit wem spreche ich?
2. Können Sie mir sagen, wie Sie an diese Nummer gekommen sind?

Ist immer interessant (und beängstigend), wie diese Leute zu ihren Adressen kommen.

In letzter Zeit häufen sich diese Spam-Telefone nach meinem Empfinden. Einmal wurde ich sogar von einem Computer am anderen Ende begrüsst, der mich zur Teilnahme an einem Gewinnspiel bringen wollte (per Taste). Aergerlich …


Mar 11 2005

Freiwilligenarbeit

Stellenanzeiger für Freiwilligenarbeit
SG: www.benevol-sg.ch
TG: www.freiwilligenzentrum.ch

Gesucht werden auch Leute für die Mitarbeit bei OpenSource-Projekten: http://sourceforge.net/people/


Mar 11 2005

Friedli und Fränz Kilbimusig

Eine etwas besondere Band sind Friedli und Fränz. Die Texte sind witzig, die Melodien bekannt (da gecovert).

Jedenfalls sind die Texte (zu finden auf der Site www.holzbein.ch) absolut lesenswert ;-)

Entdeckt durch einen innerschweizer Kollege.