Wettbewerb und Menschen II
Eine Auseinandersetzung mit mir selbst aufgrund eines Berichtes in der Rundschau vom 9. März 2005, eines Artikels in der SonntagsZeitung vom 20. März 2005 und diversen Gesprächen darüber.
Die Rundschau berichtet über den Detailhändler Coop und dessen Mitarbeiter. Das Thema sind unsoziale Arbeitsverträge und Entlassungen, die wegen der neuen Konkurrenz aus dem Ausland gemacht werden. Es wird eine Mitarbeiterin porträtiert, welche einen neuen Vertrag (Anstellung im Stundenlohn) hätte erhalten sollen, anstatt des bisherigen Teilzeitarbeitsvertrages.
Entlassungen und Lohneinbussen sind für die betroffenen Familien hart, unbestritten. Ich versuche trotzdem, mir sachlich Gedanken zu Wettbewerb und Menschen zu machen.
Die freie Marktwirtschaft und Wettbewerb prägen unsere Wirtschaft. Jedem ist freigestellt, ein eigenes Unternehmen zu gründen, andere zu konkurrenzieren, neue Ideen zu vermarkten und Geld zu verdienen. Grundsätzlich sind diese Möglichkeiten etwas positives. Es werden Arbeitsplätze geschaffen bzw. gesichert. Ineffiziente, unflexible und nicht überlebensfähige Unternehmen müssen schliessen. Und nicht zuletzt werden auch Steuereinnahmen generiert.
Nun ist diese Konkurrenz global, der Wettbewerb ist global. Im konkreten Beispiel dringen deutsche Unternehmen in bisher von Schweizer Unternehmen dominierte Märkte ein. Ich sehe das ebenfalls positiv. Denn: Neue Unternehmen bedeuten immer auch neue Arbeitsplätze. Sie bringen Dynamik und Veränderung bzw. zwingen die bestehenden Unternehmen dazu. Dies geschieht noch stärker als es heute schon durch die inländische Konkurrenz der Fall ist. Im oben erwähnten Bericht ist jedoch von Entlassungen und schlechteren Arbeitsbedingungen die Rede. Sind das wirklich “schlechte” Veränderungen? Ich denke, objektiv gesehen nicht.
Entlassungen haben auch für die Unternehmung Auswirkungen. Entweder wird es bei der Qualität oder der Quantität Einbussen geben. Und gerade darum geht es in den erwähnten Beiträgen. In grenznahen Filialen hat der Coop rückläufige Umsätze. Die logische Folge: Personal muss abgebaut werden. Der freie Markt stellt so sicher, dass nicht benötigte Produkte nicht hergestellt werden.
Der Kunde bestimmt, was gefragt ist. Wenn ein Unternehmen Arbeitsplätze abbaut, sodass die Qualität darunter leidet, entsteht automatisch die Nachfrage nach einem qualitativ höheren Produkt. Jetzt kann ein Unternehmen, sofern die Nachfrage ein Überleben möglich macht, in diesen Markt einsteigen und diese Bedürfnisse befriedigen. Wenn diese Bedürfnisse nach höherer Qualität nicht existieren, muss das Produkt auch nicht angeboten werden. Oder anders gesagt: ich denke nicht, dass alles auf den Preis herausläuft. Es wird immer eine Anzahl Leute geben, die qualitativ hochwertig Produkte in einem Geschäft kaufen wollen, das gute Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter bietet.
Für einige Zeitgenossen ist es geradezu verwerflich, wenn ein Unternehmen Gewinne macht und trotzdem Arbeitsplätze abbaut. Dazu einige Punkte aus meiner Sicht.
1.Was passiert mit dem Gewinn? Ein Gewinn ermöglicht weitere Investitionen, ermöglicht eine Expansion, ermöglicht das Entwickeln von neuen Produkten etc. Die Vorteile dieses Prozesses (neue Konkurrenz bzw. neue Unternehmung im Markt) habe ich oben bereits erwähnt.
2.Gesetzt der Fall, es werden weniger Mitarbeiter benötigt, ist gerade das Weiterbeschäftigen dieser Personen in der freien Marktwirtschaft keine Lösung. Denn früher oder später werden solche Kosten zum Verhängnis. Ein Unternehmen muss alles daran setzen, sich auf die Zukunft einzustellen und die Wettbewerbsfähigkeit zu wahren. Im Detailhandel wird das in Zukunft über die Kosten geschehen. Sich auf den Lorbeeren bzw. Gewinnen auszuruhen führt früher oder später zum Untergang.
3.Irgend woher kommen diese Gewinne. Entweder hat die Firma eine zu hohe Marge, das Unternehmen produziert ein lukratives Nischenprodukt usw. In diesen Fällen: der Markt kann und soll gerade hier korrigierend eingreifen. Wenn jemand der Meinung ist, er könne ein Produkt besser und/oder kostengünstiger anbieten, hat er die Möglichkeiten, dies zu tun.
4.Im Beispiel Detailhandel haben diese Vorgänge auch eine soziale Komponente. Durch Senken der Kosten können die Produkte günstiger angeboten werden. Und gerade bei Nahrungsmittel ist es die einkommensschwache Schicht, die davon stark profitiert.
Völlige Freiheit ist selbstverständlich nicht angebracht. Dafür hat der Gesetzgeber einen Arbeitnehmerschutz eingeführt. Mit diesen Gesetzten wird es eine ‘moderne Form der Sklaverei’ nicht geben. Auch ist zu betonen, dass sich sämtliche Unternehmen daran halten müssen, die in der Schweiz Personal beschäftigen. Also auch Aldi, Lidl & Co.
Problematisch wird es, wenn Unternehmen derart tiefe Löhne bezahlen, dass die Mitarbeiter zusätzlich Finanzmittel vom Staat benötigen (sog. working poors). Auch hier einige Gedanken dazu:
1.Die Situation ist für den Arbeiter unbefriedigend. Er arbeitet hart, der Verdienst reicht aber trotzdem nicht zum Leben. Er wird also, sobald er eine entsprechende Möglichkeit erhält, einen neuen, besser bezahlten Job annehmen. Hier besteht ein gewisses Risiko für den Arbeitgeber (Kündigung).
2.Folglich ist es aus Sicht des Staates besser, der Arbeiter kriegt einen solchen (schlecht bezahlten) Job als wäre er vollständig vom Staat abhängig.
3.Das Image in den Medien und der Öffentlichkeit sind wichtig für ein Unternehmen. Mit schlechten Arbeitsbedingungen verschlechtert sich dieses Image. Ausserdem zeugen solche Praktiken von fehlender Ethik und Moral, was von den Medien/Gesellschaft auch wahrgenommen wird.
Wichtig, damit diese Mechanismen funktionieren, ist aber auch die Freiheit (insbesondere Meinungsfreiheit/Pressefreiheit). Denn wenn die Unternehmen nicht kritisch begleitet werden können, entsteht Missbrauch, der durch den freien Markt nicht bekämpft werden kann. Ein weiterer Punkt sind die Gewerkschaften. Obwohl ich persönlich die Ansichten der Gewerkschafter selten teilen kann, kommt diesen Organisationen trotzdem eine gewisse Bedeutung zu. Sie sind ein Teil der Sozialpartnerschaft (“Arbeiterfriedens”), der zu einem gewichtigen Teil aus den Gesamtarbeitsverträgen besteht. Im Beispiel Detailhandel sind alle grossen Unternehmen einem solchen GAV unterstellt. Auch nehmen die Gewerkschaften die oben erwähnte Funktion der “kritischen Begleitung” (corporate reputation) der Unternehmen wahr.
Zum Schluss noch eine allgemeine Frage: was ist der Zweck der Wirtschaft? Meine ganz einfache Antwort lautet: möglichst effizient das Leben erleichtern (Befriedigung der Bedürfnisse) und die Evolution (Entwicklung) vorantreiben. Ohne diese Prozesse, ohne ständiges Anpassen an die Realität, ohne ständige Weiterentwicklung und Fortschritt, würden wir heute noch mit Speer und Steinschleuder auf Nahrungsmitteljagd gehen. Damit diese Entwicklung weitergeht, benötigen wir flexible, zukunftsträchtige Unternehmen. Und dieser Vorgang wird durch neue Konkurrenz sichergestellt.
Ich freue mich auf kritische Kommentare und Mails.
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